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Wissen als Beta-Version: Mehr Kircher, weniger Descartes!

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Der Rationalismus des Rene Descartes baute auf der Annahme auf, das Wissen nur durch rationales Denken entsteht und begründbar ist. Alles fußt auf universellen und rational bewiesenen Glaubensgrundsätzen, aus deren Grundmustern sich die Antworten auf alle weiteren Fragen ableiten lassen. Alle anderen Erkenntnisquellen, wie z.B. Sinneserfahrungen, religiöse Offenbarungen oder Überlieferungen führen nicht zu wirklichem Wissen. Im Gegenteil: Die sinnliche Wahrnehmung wird im Rationalismus als eine vom Verstand unterschiedliche Quelle der Wahrnehmung betrachtet, die allenfalls unscharfe und ungewisse Ergebnisse produziert. Soweit der Rationalismus, der bis heute in wesentlichen Teilen die Entstehung, Aufbereitung und Aufnahme von Wissen beeinflußt.

Nun ist das, was z.B als Wissen in den Lehrplänen unserer Schulen und Universitäten steht, in weiten Teilen rational bewiesenes Papierwissen. Und gleichzeitig bereits überholt in dem Moment, wenn es Aufnahme in die Lehrpläne findet, überholt von noch aktuellerem, sozusagen dem allerneuesten Wissen (laut TechCrunch produzieren wir heute in zwei Tagen soviel Informationen und damit vermeintliches Wissen wie die gesamte Menschheit bis 2003 ingesamt). Schlimmer noch: Wir wissen z.T. nicht einmal welches Wissen überholt ist und welches sich lohnt, es zu wissen. Weil wir nicht gelernt haben, zu wissen.

Wissen kommt vom griechischen IDEIN und vom lateinischen VIDERE und heißt in beiden Fällen SEHEN. Davon kommen auch die deutschen Wörter Idee und Vision. Wer Ideen und Visionen hat, sich also noch komplett auf irrationalem, nicht begründbarem Boden bewegt, hat der ursprünglichen Definition von Wissen nach also bereits intensiv damit angefangen, zu wissen. Nur: Für uns gilt immer noch Descartes. Idee? Vision? Nicht beweisbar! Bleib auf dem Teppich des Beweisbaren, halte dich an die Fakten. Und so hindert uns rational vermitteltes, gewohntes Wissen oftmals daran, überhaupt noch Ideen und Visionen zu entwickeln, indem es uns durch seine schiere Masse zumüllt. Damit verzichten wir oft genau da auf Wissen, wo es seine eigentliche Kraft entfaltet zugunsten von Wissen, daß eigentlich nur Zeit, Kraft und Nerven kostet.

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Einen anderen Weg als Descartes wählte der Jesuit und Universalgelehrte Athanasius Kircher (1602-1680). Sein Wahlspruch: In uno omnia (in einem alles). Er beschäftigte sich mit Mathematik, Physik, Chemie, Geographie, Geologie, Astronomie, Biologie, Medizin, Musik, Sprachen, Philologie und Geschichte. Und das auf seine sehr eigene Art. So behandelt sein Buch Magnes (1641), das sich vornehmlich mit Magnetismus beschäftigt, auch andere Formen der Anziehung wie Gravitation und Liebe (Zitat: „Alles ist durch geheime Knoten miteinander verbunden“). Er entwickelte Pläne für wasserkraftgetriebene Orgeln, stieg in den Vesuv, um seine Ausbrüche zu studieren, vermutete als erster korrekt, das die Pest durch Mikroorganismen im Blut verursacht wird, schrieb über China genauso begeistert wie über ägyptische Hieroglyphen. Und wurde damit in seiner Zeit zu einer “Ein-Mann-Clearingstelle für intellektuelle Themen”, wie ihn die Enzyklopedia Britanica bezeichnete.

Gemäß der amerikanischen Historikerin Paula Findlen war Kircher „der erste Gelehrte mit weltweiter Reputation“. Seine Bedeutung erreichte er mit einer Doppelstrategie: Seinen eigenen Forschungen und Experimenten fügte er die Informationen hinzu, die er aus seiner Korrespondenz mit über 760 anderen Wissenschaftlern, Physikern und vor allem seinen Jesuitenbrüdern aus aller Welt zusammentrug. Dabei war das Wissen des Athanasius Kircher “aus heutiger Sicht eine Mischung von Ergebnissen genuiner Forschung, durchdachten Beziehungsmanagements, zukunftsweisender Intuition, bloßer Spekulation und bewundernswerten Marketings” wie Wikipedia zusammenfasst. Bei Kircher entstand Wissen jedenfalls häufig auf Basis von Intuition und selten als in Stein gemeißeltes und für alle Zeit bewiesenes Detailwissen. So mußte er als Jesuit natürlich das tychonische Weltmodell mit der Erde als Mittelpunkt vertreten, in seinen Arbeiten tauchte das kopernikanische Modell als Alternative jedoch immer wieder auf. Wissen war Möglichkeit, Idee, Abgleich, Neuansatz. Nur folgerichtig: Für seinen Zeitgenossen Descartes war Kircher schlicht “mehr Quacksalber als Gelehrter” und war “besessen von einer abnormalen Vorstellungskraft”.

Abnormale Vorstellungskraft? Ich folge etwa 200 Blogs plus ungezähltem “Wissen” zu allen möglichen Themen rund um Marketing, Kommunikation und darüber hinaus täglich auf den von mir genutzten sozialen Plattformen. Dabei mache ich grundsätzlich drei Erfahrungen immer wieder:

  1. Ich werde nie alles über ein bestimmtes Thema wissen. Dazu kommt täglich zuviel neues Wissen dazu. Und ich bin an zu vielen Themen interessiert. Damit treffe ich jede Entscheidung, bekenne mich zu jedem Standpunkt immer auf Basis unzureichenden “Wissens”.
  2. Ich kann nur selten sicher sein, das das Wissen, das ich aufnehme nach Descartes beweisbar ist. Vielmehr bildet sich mein Wissen im Abgleich unterschiedlicher Meinungen und Ansichten anderer. Und das immer nur tagesaktuell. Neue Ansichten verändern meine Sicht wie die Farbmosaike sich in meinem Kinderfernrohr jedesmal verändert haben, wenn ich es geschüttelt habe.
  3. Das aufgestapelte und behaltene “Papierwissen” kommt immer dann besonders nachhaltig ins Wanken, wenn Ideen und Visionen nicht nur an mein rationales Verständnis, sondern an meine sinnliche Vorstellungskraft appellieren.


Ich wäre froh, über die “abnormale Vorstellungskraft” eines Athanasius Kircher zu verfügen, um mit ihr das eintreffende Wissen zu bewerten und aus der Menge und Komplexität neue Erkenntnisse formulieren zu können. In Zeiten der Überversorgung mit Information und damit potentiellem Wissen brauchen wir weniger Talent, das “Zuviel” auch noch rational zu begründen. Stattdessen brauchen wir viel mehr “abnormale Vorstellungskraft”, Zusammenhänge herzustellen, tagesaktuell neue Erfahrungen und Einsichten zuzulassen und den Wert von Ideen und Visionen zu erkennen. Wissen als Beta-Fassung, ständig dem Realitätstest unterworfen, immer bereit, es durch neue Erkenntnisse zu korrigieren und zu revidieren. Wir brauchen mehr Erkenntnis, das Vorstellungskraft wichtiger ist, als Wissen. Oder anders ausgedrückt: Mehr Kircher, weniger Descartes!

3 Kommentare

Christiane Hengsbach

05.05.2011 23:51 Antworten

Hi Hubi, hier steige ich ein-"Vorstellungskraft ist stärker als Wissen"der Beitrag ist Mega.- ich glaube, Du stehst kurz vor der Be….ähm Erleuchtung.-du weisst schon-ein wirklich guter Beitrag. I Love you Chris

ekki3

04.05.2011 16:54 Antworten

Really Great

Alexander

04.05.2011 12:43 Antworten

Lustigerweise las ich statt Kircher Kirche. Das ist eben auch die Hauptnavigationshilfe gläubiger Katholiken: Vernunftentwertung. Geile Schreibe! Wie immer! Und alle Macht dem Paranormalem! ;) )

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