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Wer nicht viel sagt, fährt Rasenmäher

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Heute zur Erholung von mir endlich mal wieder ein Gastbeitrag meines Facebookfreundes und Meisters des geschriebenen Wortes, Alexander Wallasch, über eine spezielle Sorte Mensch, die damals analog und heute digital nervte und nervt: Die Schweiger. Wer mehr über Alex wissen will, findet weitere Informationen am Ende des Textes)

Wer nicht viel sagt, fährt Rasenmäher (von Alexander Wallasch)

Ganz früher, als die gescheiten, mittelgescheitelten Mädchen noch weiße Schlüpfer mit roten Borten unter ihren langen Röcke trugen und nach Patchouli rochen, war die Welt noch in Ordnung. Das kann man behaupten und wer würde angesichts solcher romantischen Bildbeschreibungen auch was anderes sagen wollen? Aber es stimmt ja dennoch nicht. Denn damals hatte das Schweigen alle Macht über die flatternden Röcke. Warum? Ganz einfach: Weil wir Jungs noch nichts Schlaues zu sagen hatten. Damals gab es vier Kategorien: Die, die es nicht besser wussten und munter drauflosplapperten. Die, die es wussten, aber die Stille nicht aushielten. Die, die noch Hoffnung hatten und es immer wieder versuchten. Und die, deren Strategie darin bestand, das Maul zu halten. Das machte sie zu den uneingeschränkten Rockkönigen. Geheimnisvoll. Tiefsinnig. Und folgerichtig so nah am Patchouli, das uns schon aus der Distanz schwindelig wurde. Warum konnten wir damals nicht einfach ebenfalls den Mund halten? Warum haben wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit jede sich bietende Gelegenheit einfach kaputtgeschwatzt? Damals war die Stunde der Schweiger. Wir schauten den Schweigern beim Küssen zu und bei all den anderen Sachen, die wir uns zwar gegenseitig mit den schönsten Worten ausmalen konnten, aber selber nie erlebten.

Aber was ist aus den Schweigern geworden? Ich traf sie später manchmal auf der Straße. Einer von denen fuhr den städtischen Rasenmäher, ein altes Autos mit „Kind an Bord“ Aufkleber, und trug im Sommer kurze karierte Hemden und bunte Tätowierungen, die wie lustige Verlängerungen der Kurzarmhemden aussehen. Und dann schwieg ich. Lächelnd. Ich sagte nichts. Nickte nur kurz, wartete, bis es nur so heraussprudelte oberhalb der lustigen Hautcomics und fuhr einfach weiter. Im Rückspiegel sah ich noch den offenen Mund und zum ersten Mal auch die schlechten Zähne. Ob das damals der eigentliche Grund für sein Schweigen war, oder kam das erst später? Egal. Ich hatte also eines begriffen: Schweigen zahlt sich langfristig nicht aus. Schweigen hat eine verdammt kurze Halbwertzeit. Und wer zu viel schweigt, bekommt später verdammt hässliche Tätowierungen.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich festgestellt habe, das es doch tatsächlich auch im 21.Jahrhundert noch welche gibt, die glauben, Patchouli-Rockkönig sei eine Lebensstellung! Jedenfalls könnte man den Eindruck gewinnen, wenn man eine Weile im Facebook wohnt, sich eingerichtet hat und dann auf einmal merkt, das es auch dort verdammt still sein kann, obwohl man mit etlichen anderen im selben virtuellen Raum unterwegs ist. Das ist ärgerlich, denn bescheuerterweise schaue ich mich automatisch und instinktiv um, ob da irgendwo eine dieser kleinen Schlüpferköniginnen die Männer zum Schweigen bringt. Und tatsächlich. Eine ist immer dabei. Und wie Eisenspäne auf der magnetischen Platte sortieren sich auch hier wie Lemminge und gleichsam einem physikalischem Gesetz folgend die vier Kategorien: Rasenmähermänner in der Überzahl. Nur, das Internet ist nun einmal geruchslos, der Patchouli-Äther absolut wirkungslos. Schweigen ist hier einfach nur Schweigen! Dann posten die Rasenmäherjungs in ihrer Verzweiflung ellenlange Reihen von Youtube-Musikvideos. Anfangs ernten sie noch ein paar „gefällt mir“, dann nichts mehr. Denn was soll das auch. So viel Langeweile haben die meisten noch, sich ihre eigenen Videos aus dem Youtube zu laden. Gang zwei des 3 PS Rasenmähers röhrt aggressiver: Threads mit steigender Kommentarlänge machen ihr Schweigen ja immer lauter. Klar, dann platzt dem ersten der Kragen. Dann noch einem und dann brechen immer mehr Schweiger ihr Schweigen. Aber: Wer so lange schweigt, hat keine geschmeidige Stimme, der ist zu laut, zu leise, krächzt, wimmert oder röchelt schon nach wenigen Silben. Warum? Ganz einfach: Die Wahrheit über Facebook geht doch so: Facebook ist kein Blog. Ohne Wenn-und-Aber ist jedes Posting und jeder Kommentar nichts weniger als eine Aufforderung zum Gespräch. Und Facebook-Freunde sind Gesprächspartner. Danach werden sie ausgewählt. Oder abgewählt! Denn wer nicht sprechen will und immer nur sehnsüchtig auf die nächste Patchouli-Wolke wartet, der fährt irgendwann auch im Facebook nur noch den Rasenmäher. Und zwar unweigerlich und lautstark an die nächste leere Pinnwand. Facebook ist Text. Also ist Facebook die Welt der Texter. Und wir sind Texter. Die Könige im Facebook. Die, die am Ende hinter die roten Borten schauen. Wenn die Patchouli-Wolke nur dicht genug ist.

( Alexander Wallasch 46, ist deutscher Schriftsteller, Journalist, Kolumnist und Texter einer der norddeutschen Top-Agenturen (die hier nicht genannt werden will). In seinem 2006 erschienen Roman „Hotel Monopol“ erkannte die Financial Times „ein Update von Charles Bukowski und Hubert Fichte.” 2010 wurde „Deutscher Sohn“ (Co-Autor: Ingo Niermann) zum meistbesprochenen deutschen Roman 2010. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schrieb: „Das Ergebnis ist eine streng gefügte Prosa, die das kosmopolitische Erbe der Klassik neu durchdenkt. Ein glasklarer Antihysterisierungsroman, unterwegs im deutschen Verdrängten: Literatur auf Patrouille.“)

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2 Kommentare

Alexander

06.07.2011 19:50 Antworten

Lieber Horst Wigger, vielen Dank für Deine so textintensive Antwort. ;) Und ja doch, da ist was dran. Aber vielleicht können wir uns darauf einigen, das der von Dir beschriebene Typus (Wer kennt nicht den guten Freund von früher, der eher ein ruhiger Typ war, aber gut zuhören konnte und da war, wenn es darauf ankam? ) eine Rarität war und ist. Und sich nur allzuoft als rasenmähermann entpuppte. Aber es ist wohl so: Wenn ich nun wieder behaupte: "Welches KInd lernt sprechen durch zuhören?" wirst Du sicher antworten: "Na klar, zuhören ist doch die erste Grundvoraussetzung!" Tja, was nun tun? Herzlich Alexander

Horst Wigger

02.06.2011 10:25 Antworten

Lieber Alexander,Danke für den amüsanten Beitrag und die provokanten Thesen. Allerdings halte ich die Herleitung "Facebook ist Text. Also ist Facebook die Welt der Texter. Und wir sind Texter." genau so wenig zutreffend wie "Kommunikation ist Reden. Menschen reden miteinander. Menschen sind Redner." Diese Herleitung ist logisch korrekt, aber inhaltlich trivial und trifft nicht den Kern. Zum sozialen Miteinander gehört mehr als das gesprochene und geschriebene Wort, das gilt auch für soziale Online Netzwerke. Nicht umsonst werden dort Bilder und Videos ohne Ende eingestellt – sonst sähen sie auch mehr wie Foren, Blogs oder Wikis aus. Darüber hinaus gehört zur sozialen Kompetenz auch das Zuhören und Bewerten (das beschreibst Du ja auch sehr amüsant). Wer kennt nicht den guten Freund von früher, der eher ein ruhiger Typ war, aber gut zuhören konnte und da war, wenn es darauf ankam? Und darum kann auch bei Online Netzwerken Schweigen im Sinne von Passivität sehr wohl mehr als nur Schweigen sein, sondern zuhörende Teilnahme. Wenn natürlich jemand nie etwas sagt, antwortet oder kommentiert… ok, diese Menschen gibt es eben.Ich bin übrigens kein großer Facebook-Freund/-User, darum liegt es mir auch fern, eine Lanze für Facebook zu brechen. Aber was Du angesprochen hast, ist kein Facebook Thema, sondern betrifft soziale Kommunikation grundsätzlich. Und guck’ nicht so finster :-)

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