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Über Michael Oher, Steve Jobs und die Mediamarkt-Kampagne

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Mittwoch abend, 5.10., ca.20 Uhr: Steve Jobs stirbt. Und meine Community explodiert tagelang. Kein Marketing-Blogger, kein Werber, kein News-Service ohne letzte Worte, ohne Würdigung des Lebens von Steve Jobs. Keine Nachrichtensendung, keine Tageszeitung ohne letzten Old-Media-Nachruf. Agenturen überschlagen sich rund um den Globus mit mehr oder weniger originellen Abschieds-/Todesanzeigen. Verlagschefs, Präsidenten, Industriekapitäne – meine Welt nimmt Abschied von einem Genie, einem, der unsere Welt verändert, neu gestaltet hat.

Sonntag, 2.10. Premiere der neuen Mediamarkt-Kampagne. Und meine Community explodiert tagelang. Amir Kassaei schämt sich auf Facebook und Twitter, ein Werber zu sein. Und hunderte seiner Follower mit ihm. Matthias Schrader urteilt “Dada” ohne strategischen Sinn. Und viele Leser der Horizont mit ihm. Kaum ein Marketing-Blog, keine Fachzeitschrift, kaum ein vermeintlicher Experte (Kreative, Berater, ehemalige Marketingleiter…) ohne vernichtendes Urteil. Meine kleine Kommunikationswelt nimmt Abschied von einer Kampagne, bevor sie richtig begonnen hat. In einer Lautstärke, die die wenigen positiven Stimmen zur Hintergrundmusik degradiert.

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Mittwoch abend, 5.10., ca 21 Uhr: Michael Oher fragt seine Twitter-Community von rund 80.000 Followern , wer dieser Steve Jobs eigentlich ist. Michael wer? Michael Oher, Offensive Lineman eines der Top-Teams in der amerikanischen Football-League, der Baltimore Ravens (http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Oher). Michael Oher, außerhalb der Football-Community bekannt geworden durch den Film Blind Side (http://de.wikipedia.org/wiki/Blind_Side_–_Die_große_Chance), für den Sandra Bullock immerhin den Oscar bekommen hat. Michael Oher, sozial engagiert, kümmert sich um Ghetto-Kids, ein Vorzeige-Athlet auf einer der größten Sportbühnen der Welt.

Samstag, 9.10., Mediamarkt Neuss, auf der Suche nach einem Kühlschrank. 4 Jugendliche in den Gängen, kurzer Dialog über die neue Kampagne. Sprachfetzen wie z.B. “Coole Werbung”, “Mario Barth war eh durch”  oder “Besser als die ganzen anderen blöden Spots”. Ich laufe hinterher, die Jungs zeigen einem Mediamarkt-Mitarbeiter auf ihren Handys irgendwas, er nickt und sie ziehen hochbefriedigt ab. Kurze Nachfrage bei den Jungs: Die testeten die Kampagne und bekamen bestätigt, daß bei entsprechenden Angeboten im Netz für sie der billigere Preis gelten würde. Sie wollten nächstes Wochenende wiederkommen…

Nun will ich um Gottes Willen nicht die Wichtigkeit Steve Jobs und die Bedeutung einer Mediamarkt-Kampagne vergleichen. Aber selbst Steve Jobs und seine Bedeutung für unsere Welt kennt trotz weltweiter riesiger Fan- und Bewunderer-Community  nicht jeder. Und, wie Michael Oher beweist, muß man eben auch nicht im Zelt in Absurdistan sitzen, um Steve Jobs nicht zu kennen. Michael Oher postete kurze Zeit später ein respektvolles “R.I.P Steve Jobs” und entschuldigte sich für seine Unkenntnis. Er hatte sich offenbar schlau gemacht und für sich beschlossen, daß auch in seinem Leben Steve Jobs Spuren hinterlassen hat.

Und damit sind wir dann bei der Werber-Community, einer Community, die sich mit besonderer Lust mit sich selbst beschäftigt und dabei besonders wenig zimperlich miteinander umgeht. Unsere Welt ist das Marketing, die Werbung. Und manchmal habe ich das Gefühl, wir glauben wirklich, daß die ganze Welt nur über Werbung spricht.  Reden wir eigentlich mit Menschen außerhalb unserer Werbewelt? Oft genug? Oder glauben wir nicht vielmehr, daß die da draußen uns einfach nur zuhören sollen? Wenn ich dann den comment threads in Horizont oder w&v zur Mediamarkt-Kampagne folge, dann beschleicht mich das Gefühl, das wir die Rechnung ohne die machen, für die diese Kampagne gemacht wurde und stattdessen nur mit und über uns selbst reden. Oder, wie die DDB-Kreativlegende Bob Levenson es ausdrückte: “Most people ignore advertising because most advertising ignores people.”

Deshalb halte ich es bei der Beurteilung der Mediamarkt-Kampagne lieber mit Michael Oher: Ich weiß nicht, ob die Marke ihr neues Versprechen wahrmachen kann. Das werden am Ende die Kunden herausfinden. Abstimmung über die Kampagne mit dem Kassenzettel. Und um das Ergebnis beurteilen zu können, sollte die Kampagne eine Chance bekommen. Eine Chance bei denen, die sie erreichen will. Alles andere ist für mich Geschmacksdiskussion, interne Werber-Nabelschau. Und damit für die Beurteilung der Kampagne erst einmal irrelevant. Für mich ist sie zunächst einmal einfach auffällig. Und das ist mehr, als man von so vielen Kampagnen sagen kann. Erfolgreich wird sie dann, wenn auffällige Markenidee auch in auffällig relevantes Markenverhalten mündet. Und wenn es anders läuft, dann leiste ich per Tweet Abbitte bei all den Kritikern….

6 Kommentare

Alexander

10.10.2011 17:46 Antworten

Ps.: Dazu im heutigen SPIEGEL übrigens ein beinahe abschließender gute und umfangreicher vielseitiger Bericht!

Alexander

10.10.2011 15:21 Antworten

Nein Frank, das wundert mich ganz und gar nicht. Denn Du vergisst, das die Begründer unserer Zunft größtenteils Jung-Nerds waren, die sich mit 17 noch nicht auf die Straße ins reale Leben getraut haben. Erst als Steve Jobs ihnen via mac völlig unerwartet ein Fenster in die Welt öffnete, sind sie buchstäblich vor Dankbarkeit kreativ explodiert und haben eilfertig ihre Letraset-Klebebuchstaben entsorgt.

Frank Kaulen

10.10.2011 15:07 Antworten

ja, vollkommen richtig! Die Verbraucher entscheidet. Zumindest sollte man den hohen Anspruch von MM nicht sofort in Grund und Boden twittern, facebooken etc. Was mich aber schon wundert, ist die augenfällig völlig überzogene Reaktion mancher Vertreter unserer Zunft.

Jens Kretschmann

10.10.2011 14:14 Antworten

Donnerstag morgen , 6.10., ca 6.03 Uhr: Mein Wecker hat gerade geklingelt und während ich ins Badezimmer schlurfe lese ich schnell die Schlagzeilen auf meinem iPhone durch. Steve Jobs ist tot. In meinem Twitter Stream steht noch nichts davon. Die Deutschen stehen alle gerade auf, die Amerikaner schlafen noch. Ich bin also einer der Ersten in meiner kleinen Blogsphäre der damit konfrontiert wird. Obwohl mich Jobs’ Tod sehr betroffen macht beschließe ich: THINK DIFFERENT … und poste nichts! Ich behalte meine Gedanken für mich.Donnerstag morgen , 6.10., ca 9.34 Uhr: Mittlerweile liest man überall etwas von Steve Jobs. Meine morgendliche Entscheidung bestätigt sich. Ich fühle mich in meiner persönlichen Gedankenwelt sehr viel besser aufgehoben, anstatt als Surfer auf einer riesigen Kondolenzwelle.Montag nachmittag , 10.10., ca 15.28 Uhr: Nachdem ich diesen Beitrag gelesen habe, wird mir bewußt … die Welle ist wieder da. Schon seit längerem surfen die Kenner der Werbebranche durch die mediale Landschaft um ihr Entsetzen gegenüber der neuen Media Markt Kampagne Ausdruck zu verleihen. Gerade die Leute, die immer behaupten gegen den Strom schwimmen zu müssen um Aufmerksamkeit zu erlangen. Gehör findet nur derjenige, der am lautesten ruft, ganz anders als sie es sonst immer gepredigt wird.Dabei ist die Idee doch gar nicht so neu und das Credo der hiesigen Kommunikations-Macher ist doch eh schon länger: Wir machen nicht einfach "irgendwas mit Medien" … wir machen was mit Transparenz."

Oliver Gronewald

10.10.2011 13:30 Antworten

spricht mir aus der seele.sowohl was das MUST KNOW von menschen wie jobs betrifft,wie auch das nicht aufhören wollende besserwisser-werber-blabla."Abstimmung über die Kampagne mit dem Kassenzettel"punktlandung! denn es gibt nur diese währung im verkauf.

Michael Stocker

10.10.2011 12:40 Antworten

Danke, für die Einordnung. Ich war auch verführt, Thomas Strerath einen ersten Kommentar zum frischen Eindruck der Kampagne zukommen zu lassen. Aber: Never judge a Book by its Cover. Warten wir doch erst mal ab, was da noch kommt. Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht den vielen Anglern, die neben einem stehen. Die Ingolstädter haben schon oft bewiesen, dass sie Kaufverhalten beeinflussen können und wenn das diesmal gelingt, Chapeau.

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