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Schlaferlaubnis für Marken

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9 Uhr morgens in Berlin: Zeitung in der S-Bahn gelesen, Frühstück besorgt, Kaffee auf dem Tisch, Terminkalender ausreichend gefüllt – kann losgehen. Kurz noch ein Blick auf die Facebook-Seite, den Twitter-Stream, die Google+-Seite und den Blog. Irgendwelche Kommentare zu den eigenen Posts und Links? Muß ich antworten? Will ich antworten? Da, wo ich will und muß, tue ich es. Und dann ab in den Agenturalltag.

13 Uhr in Berlin: Ordentlich die To-do-Liste ausgedünnt, Mittagsverpflegung organisiert – Mittagspause. Lesezeit. 15 Minuten den Reader bei Posterous durchgearbeitet, 15 Minuten Inspiration durch Stumble Upon, 15 Minuten  Blogs gelesen im E-Mail-Eingang. Gute Headline, gutes Thema? Einsortiert bei Evernote. Dann noch schnell interessante Fundstücke im Plattform-Rundumschlag gepostet und gleichzeitig die jeweiligen Streams nach Wissenswertem durchsucht. Will ich kommentieren? Muß ich kommentieren? Da, wo ich will und muß, tue ich es. Und dann ab in die zweite Halbzeit.

19 Uhr in Berlin: Nicht alles geschafft, was auf der Liste stand. Aber genug. Agenda für morgen steht, Präsentation für das Kunden-Meeting ist fertig. Schnell noch mal Mail-Liste der Blogs dezimieren, 30 Minuten Plattform-Surfen, Reaktionen auf die Mittagsposts prüfen und ein letzter Blick auf den eigenen Blog. Will ich kommentieren? Muß ich kommentieren? Da, wo ich will und muß, tue ich es. Und dann ab in den Feierabend.

24 Uhr in Berlin: Guten Abend gehabt auf der Dachterrasse des Amano-Hotels. Gute Leute, gute Gespräche, gute Musik, gute Drinks. Und jetzt nichts wie ab ins Bett, noch ein bißchen lesen und dann dem nächsten Tag entgegenschlafen. Nur noch ein letzter Blick ins Digitale, ein letzter Abstecher ins Facebook. Und da ist er dann, der Kommentar auf meinen Mittagslink. Intelligent, ausführlich, sich auseinandersetzend, am Thema interessiert. Will ich kommentieren? Muß ich kommentieren? Eben nicht!

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, heißt es. Wer sich der digital-sozialen Welt an den Hals wirft, ist 24 Stunden on air, heißt es. Reaktionen haben sofort zu erfolgen. Mein Facebook-Freund (im realen Leben sind wir uns nie begegnet, es ist sein erster Kommentar zu einem meiner Beiträge, bisher kam nur ab und zu ein schüchternes “I like”) möchte, so sagt es das Social Media-Handbuch, einen Dialog. In Echtzeit. Tweets und Posts haben eine Haltbarkeit von 2-3 Stunden, danach fangen sie an, zu vermodern. Und das hat mein Facebook-Freund und sein Kommentar nicht verdient. Eine Instant-Entgegnung dagegen sorgt für Freude, vermittelt meinem Facebook-Freund das Gefühl, ich nehme ihn ernst. Oder wird er sich etwa auch morgen früh noch entgegen aller vermeintlichen digitalen Verhaltensetikette über eine Replik  freuen?

Markenmacher, die sich mit ihren Marken in der digital-sozialen Welt mit ihrer Grundforderung nach Dialog auf Augenhöhe in Echtzeit tummeln, müssen sich dieselbe Frage stellen. Müssen wir jetzt 24 Stunden on air sein? Wenn einer sich um 23 Uhr die Mühe macht, mit meiner Marke reden zu wollen oder ihr eine Frage stellt, dann erwartet der doch auch sofort eine Antwort, oder? So sind nun mal die Spielregeln, sagen die Experten. Und die müssen es schließlich wissen, oder? Community-Management im Schichtbetrieb also, um ja keinen Markenfan mit Gesprächsbedarf zu enttäuschen?

Mitnichten! Klar gibt es gerade im Service-Bereich Marken, von denen ich einen 24-Stunden-Service erwarten würde. Aber selbst “Telekom hilft” schließt um 20 Uhr seine Facebook-Pforten, obwohl meine Internet-Verbindung sich beim Zusammenbruch bisher selten an die offiziellen Service-Zeiten der Telekom gehalten hat. Social Media hat unser Leben beschleunigt, macht es für die, die sich darauf einlassen aufregender, aber manchmal auch einfach nur hektischer. Aber Konsumenten (und Facebook-Freunde) erwarten deshalb noch lange nicht Antworten, die schneller kommen, als bisher ein Telefonanruf oder eine e-mail. Was sie vielmehr erwarten, ist echte Interaktion. Menschliche Interaktion. Das Netz schläft nie. Aber die Menschen, die es bevölkern, auch solche, die mit der Stimme einer Marke sprechen, müssen manchmal schlafen. Und deshalb kommt es eben nicht auf das “wann”, sondern auf das “ob” und das “wie” der Antwort an.

Ich jedenfalls möchte ab sofort in meiner digitalen Welt außer in Notfällen ab 20 Uhr nicht mehr geweckt werden. Nachricht hinterlassen und ich melde mich dann morgen……..Versprochen!

6 Kommentare

thinkglocal

16.09.2011 13:30 Antworten

Interessante Betrachtung. Mein digitales Sein besteht aus einem 11,6" Subnotebook, einem Samsung Galaxy S2 (die Alternative war der totale Verzicht auf ein mobiles Telefon), 3 geschäftlichen Blogs, einem privaten, twitter, Facebook und so weiter. Mein erster Blick nach dem Aufstehen geht zu SPON, danach lese ich kurz meine Mails, dusche, schaue meine Feeds durch und beantwote die wichtigesten Sachen gleich in der S-Bahn.Dabei ertappe ich mich, wie ich, trotz knallrotem Button und dem Hinweis in 3 Sprachen das ich gerne auf Skype meine Ruhe haben möchte dennoch dabei, dass ich ab und an schaue ob meine Freundin gerade online ist (gut, die ignoriert sämtliche Hinweise und nimmt auch keine Rücksicht darauf, dass ich a) 6h hinter ihr Lebe und b) zwar mein Geld im Internet verdiene und ab und an doch mal ein richtiges Meeting habe).Fühle ich mich unwohl? Nein. Mir missfällt eher die Tatsache gerade in einer doch recht unmobilen Situation zu verweilen, wobei ich dies in naher Zukunft wieder ändern werde. Pro neue Medien: Unabhängigkeit, die Möglichkeit meinen doch unbändigen Wissensdurst zu bändigen (hatte gestern den ganzen Tag Kundentermine und danach gleich mehrere hundert ungelesene Feeds im RSS Reader) und die Chance mit alten Freunden Abroad in Kontakt zu bleiben.Contra: Reduktion auf 140 Zeichen, die Erwartung immer Online zu sein und sofort zu antworten und auch die Tatsache, dass man dies von Anderen erwartet.Die Zukunft? Vermag ich nicht zu beurteilen.Cheers und schönes WESven, der morgen schön mit dem Zug durch den Schwarzwald fährt und sich vorab schon Gedanken macht wie er 2h ohne UMTS auskommen soll…

Alexander Wallasch

15.09.2011 10:01 Antworten

Ja, und am Ende des Tages stellt man sich allerdings auch die wichtigste aller Fragen heutzutage – und wenn man die mit nein beantwortet, ist man noch Nachts um 2 am Chatten – Wie war meine Präsenz heute im Net? Wie viel mehr als andere habe ich Tolles, Gutes, Interessantes, Kommentierwürdiges usw. gepostet? Wie viele Freunde muss ich noch ungeprüft annehmen um meine Standing zu erhöhen? Douglas verschenkte 25 Euro Gutscheine für die ersten 50.000 "Gefällt mir" im neuen Facebook Auftritt. Die haben nun 50001 Freund. Einer war zu blöd. Und was das für ein Statement ist!

Friedemann Ohse

15.09.2011 09:53 Antworten

Freut mich, dass Sie sich immer wieder die Zeit nehmen und solche gehaltvollen Artikel bloggen.Man könnte meinen Technik erleichtert und vereinfacht uns das Leben. Gibt uns Zeit für andere wichtigere Dinge – für Familie oder einfach einen Spaziergang.Dem ist aber nicht so. Das Handy lässt uns überall erreichbar sein und ein Termin wird einfach verschoben. Nichts ist mehr verbindlich. Wir werden immer schneller. Statt die gewonnene Zeit zu genießen füllen wir sie und blättern im Stau die Tweets durch.Vielleicht dreht sich das ja irgendwann wieder um und man sägt das Holz wieder selbst statt mit einer App.

Tom Palmer

15.09.2011 08:27 Antworten

Da traut sich einer und eben nicht irgendeiner das zu sagen, was jeder verspürt wenn er in die Fänge der "24/7 Social-Media-Maschinerie" geraten ist! Danke dass wir noch schlafen dürfen, denn am Ende des Tages dreht sich die Welt sowieso weiter, mit uns, ohne uns und sowieso ohne FB!

Michael Bischoff

15.09.2011 08:04 Antworten

Da hat Linda recht. Außer vielleicht: Schön, dass das mal gesagt wurde.

Linda Herrmanns

15.09.2011 07:45 Antworten

Dem ist nichts hinzuzufügen!

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