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Nicht für die Schule, sondern fürs Leben ……

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Ob Elternabend oder Abendessen im Freundeskreis, das Murmeltier grüßt täglich und heftig: Großes Gejammer über den G12-Leistungsdruck, die demnächst auf den Markt kommenden Doppeljahrgänge (“und dann auch noch die ganzen zusätzlichen Nicht-mehr-Soldaten”), den zu frühen Verlust der Kindheit, die zu kurz kommende Persönlichkeitsentwicklung, die Unvorbereitetheit der Lehrer auf diese Situation usw. Die übliche Diskussion eben unter Eltern, die mit vermeintlich hohen (nämlich ihren eigenen) Bildungsidealen die Vorbereitung ihrer Sprößlinge auf das vermeintlich harte Berufsleben vorantreiben (“Sollten wir nicht doch vielleicht mal wenigstens über eine Chinesisch-AG nachdenken?”). Um den Nachwuchs nicht in die vielbeschworene PISA-Falle laufen zu lassen, ist da jedes Mittel recht. Erste Praktika mit 14, regelmäßige Auslandsaufenthalte, am besten gleich mehrsprachig und vor allem ganz viel Nachhilfe. Eine nicht repräsentative, aber persönlich durchgeführte Umfrage auf diversen Schulveranstaltungen meiner drei Töchter und im Freundeskreis ergab, daß kaum noch ein Schüler ohne zusätzliche Hilfestellung in Mathe, Deutsch, Englisch, Latein usw. auskommt. Das Ergebnis beruhigte ungemein. Wir waren also in guter Gesellschaft….

Neulich saßen wir wieder mal im trauten Elternkreis beieinander und tauschten uns über die jeweils eingeleiteten privaten Bildungsoffensiven zum vermeintlichen Wohle unseres Nachwuchses aus. Und dann stellte meine Frau, ausgebildete Modedesignerin, autodidaktische Fotografin, Innenarchitektin und Malerin die Killer-Frage: “Wer hat bei seinem Kind eigentlich mal über Nachhilfe in Kunst nachgedacht?” Lachen, leicht ungläubig ausklingend. Schweigen. Langes Schweigen. Nachhilfe in Kunst? Doch nicht im Ernst, oder? Oder doch?

Glaubt man dem New York Times Kolumnisten und Buchauthor Thomas Friedman (“A flat world”), dann sind Leidenschaft und Neugier in Zukunft Schlüsseleigenschaften in einer zunehmend flachen Welt, in der jeder jederzeit Zugang zu allen Informationen hat. “In der heutigen Welt ist es wichtiger, leidenschaftlich und neugierig zu sein, als nur schlau” so Friedman und weiter “Wenn ich mich zu entscheiden habe zwischen Jugendlichen mit der Leidenschaft, ständig dazuzulernen und der Neugier, ständig neues zu entdecken und Jugendlichen mit weniger Leidenschaft und höherem IQ, werde ich mich immer für erstere entscheiden!” Seine Formel: CQ (Curiosity Quotient) + PQ (Passion Quotient) > IQ.

Dieser Gedanke macht zwar Kunst noch nicht zum Hauptfach. Aber die Nachfrage nach der Nachhilfe klingt gar nicht mehr so absurd. Angesichts unendlicher Regalmeter Management-Literatur über Kreativitätstechniken, die Kunst kreativen Denkens, kreative Unternehmensführung usw. plus ebensoviel Regalmeter Literatur über Innovationen und wie man sie findet, bzw. erfindet, klingt sie sogar sehr plausibel. Und angesichts des in weiten Teilen immer noch als Frontalunterricht abgehaltenen deutschen Schulunterrichts mit Betonung auf die Fähigkeit, Unterrichtsstoff möglichst orginalgetreu wiedergeben zu können, klingt sie plötzlich absolut berechtigt. Warum eigentlich nicht?

Kunst verlangt, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Kunst verlangt, Dinge in sich und seiner Umwelt zu entdecken. Kunst verlangt, Emotionen und Leidenschaften Gestalt zu verleihen. Kunst verlangt Mut, Handwerk und Experimentierfreude in der Umsetzung. Alles Anforderungen, denen unsere Kinder schon heute und noch viel mehr in der Zukunft gerecht werden sollen und müssen (und zwar in allen Berufen und nicht nur in der kleinen Welt der Markenführung . Und auf die sie mit Latein- und Englischvokabeln und Mathe-Formelsammlung nur unzureichend vorbereitet werden. Nachhilfe in Kunst macht aus Unwilligen/Desinteressierten noch keine Künstler. Aber möglicherweise stattet es sie mit einigen ganz neuen Möglichkeiten aus, die Probleme der Zukunft kreativ und damit besonders gut lösen zu können. Ich z.B. hätte einen Kunst-Tritt in den Allerwertesten gut gebrauchen können. Meine Fähigkeit, lateinisch deklinieren und konjugieren zu können, war jedenfalls nach Beendigung meiner Schullaufbahn nur noch von sehr überschaubarem Nutzwert.

Übrigens: Kunstnachhilfe lässt sich nachholen. Erwachsenenbildung hilft. Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal in einer Kunstaustellung gewesen? Mit Ihren Mitarbeitern?

3 Kommentare

Elke Behrendt

03.03.2011 10:06 Antworten

Hallo Hubertus, aber das alles hast Du doch über Jahre selbst erfahren. Wenn Du von einer Sache emotional ergriffen warst, dann schaltete sich automatisch Dein Turbo ein und Du bist in voller Überzeugung, auch gegen den Strom, in eine Schwingung gelangt, die andere automatisch mitgerissen hat. Nein, Du hast nicht andere nach Zahlen, Daten, Fakten beurteilt und bist auch nicht mit anderen nur auf dieser sachlichen Ebene in den Dialog gestartet. Funktioniert eh nicht! Du hast erst eine Beziehung aufgebaut. Mit Leidenschaft. Auch Latein lässt sich locker lernen, wenn wir den Kindern es mit Freude und Spass vermitteln. Weg von den Wissenstrichtern. Wahrnehmung wird gemäss unserer Interessen, Motivation und Erfahrung organisiert. Die Kunst ist es bei den Kindern jeweils individuell den eigenen Motor, den eingenen emotionalen Antrieb zu ergründen und anzuschmeissen. Wir handeln aus den Emotionen heraus. Und die will doch keiner (fast keiner) in den Schulen fördern. Und das, obwohl diese Emotionen und die Erfahrungen den Verstand und damit die Entscheidungen und somit unser Wirken beeinflussen. Willst Du Deine Kinder gemäss den Schulanforderungen "trimmen" oder gemäss den NEUEN Anforderungen des Lebens erziehen? Hier treffen in unserem Land leider zwei Welten aufeinander. Deine Bildungsideale und Vorbilder sind Deine Erfahrungen, die Du auf Deine Kinder überträgst. Übrigens bis zu 3 Generationen haben die Erfahrungen eine unbewusste Wirkung. Sind die zeitgemäss? Musik, Kunst oder was auch immer im Interesse Deines KINDES liegt, so dass Deine Töchter aus eigenem Antrieb, eigener Emotion sich äussern und handeln und nicht nur gemäss den Erwartungen der Schule und Eltern gerecht zu werden. Diese Leidenschaft wird seltens von den Lehrern vorgelebt, was, die halbe Miete wäre. Und aufgrund der neuesten Zahlen werden von Unternehmen auf unsere Kinder Kopfprämien ausgesetzt werden. Bis 2025 wird sich das Arbeitskräftepotential um 6,5 Mio. Personen verringern. 2009 hatten wir erstmals in Deutschland mehr über 65jährige als unter 20jährige. Wir können nicht mit den Instrumenten der Vergangenheit die Zukunft gestalten. Was hälst Du von Veränderung der Einstellung auch im Hinblick auf das "Wissenvermitteln" zu mehr Leidenschaft? In Heidelberg gibt es als Modellversuch das Unterrichtsfach "Glück". Die Wirtschaft wird eine Kopfprämie für jeden neugierigen, mutigen, leidenschaftlichen Jugendlichen aussetzen. Das ist heute schon Mangelware! Liebe Grüße auch an Deine Familie, Elke

alexandra Lange

03.03.2011 09:14 Antworten

Hallo Hubertus,du sprichst mir aus der Seele. Das kann man auch 1:1 auf das Fach Musik übertragen…Viele Grüße sendetAlexandra

Hans Albert Salden

02.03.2011 09:41 Antworten

Das mit der Formel CQPQIQ: gähn…, aber "Nachhilfe in Kunst", das sind deutliche Worte, das gefällt mir.

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