Kinder, wie die Zeit vergeht (25 Jahre Werbung in 8 Einsichten).

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(Quelle: http://vitorgodinhopasta.blogspot.de/)

“Kinder, wie die Zeit vergeht!” Mit diesem Satz leitete meine Oma jahrelang jede Familienfestivität ein. Aber nicht etwa melancholisch geseufzt, weil wieder ein Stück näher der biologischen Unvermeidbarkeit des Endes. Sondern fröhlich geschmettert, weil seit dem letzten Mal wieder soviel Erzählenswertes und Lustiges passiert war. Mir fiel der Satz wieder ein, als ich vor ein paar Tagen beschloss, mich mal jenseits meines Eintrittsdatums mit meiner Facebook-Timeline zu beschäftigen und dabei feststellte, das ich am dritten August vor exakt 25 Jahren zum ersten Mal morgens bei Springer & Jacoby zum Dienst antrat. Seither ist auch unendlich viel Erzählenswertes und Lustiges passiert. Und da wohl keiner eine Rede halten wird zu meinem Silber-Jubiläum, so mit Anekdoten, Blaskapelle, Silberuhr oder schicker Urkunde “Für treue Dienste”und so, mache ich das eben heute hier vorab selbst in meinem Blog. Hier sind die 8 wichtigsten “Erkenntnisse” aus 25 Jahren Lobenstein in der Werbung, z.T. nach gutem Beispiel geklaut von meinen Lehrmeistern, z.T. als bittere Lektion selbst gelernt, total subjektiv und ungeordnet.

1. Geld ist die Konsequenz guter Arbeit, nicht der Grund, sie zu tun. Ich habe mich einmal für einen Job aus Geldgier (und Selbstüberschätzung) entschieden. Was folgte waren die grauenvollsten 365 Tage meines Berufswegs. Und am Ende die berühmte Trennung “wg. unterschiedlicher Auffassung über die zukünftige Unternehmensstrategie”. Ich wusste es vorher, dass das schiefgeht. Ich habe mir nur verboten, es zu denken. Die Talente, die mich in meinem vorherigen Job ausgezeichnet hatten, waren gar nicht so gefragt. Stattdessen waren plötzlich Eigenschaften gefragt, die ich nicht hatte (und manche auch nicht haben wollte). Schon nach kürzester Zeit half auch der schöne Scheck am Monatsende da nicht mehr weiter. Ich weiß heute, dass ich nur dann glücklich bin in meinem Job, wenn morgen der beste Tag in meinem Berufsleben sein könnte. Dazu muss ich mit Menschen arbeiten, die mit derselben Leidenschaft wie ich für diesen Beruf brennen, deren Talente mich besser machen und umgekehrt. Und das an einem Platz, an dem diese Menschen jeden Morgen gern ihre Leidenschaft, ihre Talente auf die Straße bringen. Wenn das der Fall ist, dann ist der Scheck am Monatsende nur die logische Konsequenz von Arbeit, an der ich Spaß habe.

2. Fehler sind kein Kündigungsgrund, Stillstand schon. In 25 Jahren kommen auch eine ganze Reihe von Trennungsgesprächen mit Kunden zusammen. Und natürlich werden dann die Fehler diskutiert, die man gemacht hat. Erstaunlich dabei: Es gibt Phasen (jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…), da werden Fehler verziehen. Da sind sie entschuldigt als Teil des gemeinsamen Kampfes von Kunde und Agentur zum Wohl der Marke. Und dann sind dieselben Fehler plötzlich ein Kündigungsgrund. Weil sie als Symptome des eigentlichen Grundes, nämlich  Lustlosigkeit, mangelndes Engagement und Stillstand der Gedanken gesehen werden. Bei S&J gab es sogar ein verbrieftes Recht auf Fehler als Voraussetzung für mutige Ideen. Und konsequenterweise den Hinweis, dass denselben Fehler zweimal zu machen kein Fehler, sondern Blödheit ist und den eben noch begeisterten Kunden schnell gefährdet.

3. Ich, ich, ich? Wir! In 25 Jahren in diesem Geschäft ist mir noch kein erfolgreicher Werber begegnet, der völlig frei von Eitelkeit war. Wird diese Eitelkeit noch gefüttert, wie z.B. “Mann des Jahres” bei Horizont in jungen Jahren, dann wird sie schnell zur Hybris. Im alten Rom hatten die Imperatoren bei großen Triumphzügen nach siegreicher Schlacht durch die Stadt auf dem Streitwagen immer einen Mann hinter sich stehen, der fortlaufend flüsterte: “Denke daran, auch du bist sterblich”.  Nun sind wir Werber keine Imperatoren. Und sollten uns gerade deshalb auch in der Stunde größter Erfolge selbst daran erinnern, dass Siege und Niederlagen, Fehler und Geniestreiche in der Werbung immer ein Ergebnis von Teamarbeit sind. Das heißt: Lobe das Team, nimm Kritik an und gehe davon aus, dass jeder sein Bestes gegeben hat.

4. Wir, wir, wir? Er! Nichts zerstört eine gute Idee in unserem Geschäft so schnell wie die Pflicht zum Konsens. Die führt dann zu diesen endlosen Prozessen, in denen die falschen Leute am falschen Platz die Ecken und Kanten einer einstmals gute Ideen bis zur Unkenntlichkeit schleifen. Das hat nichts mit Teamarbeit und auch nichts mit sinnvollem Einsatz von Talent zu tun. Teamarbeit heißt, die einen bauen die beste Bühne der Welt für die Idee, die nächsten entwickeln die beste Idee der Welt und am Schluss kommen die, die die beste Idee der Welt bestmöglich präsentieren. Jeder an seinem Platz ein Star mit allen Freiheiten, die ein Star braucht. Zusammen ein Agentur-Team.

5. Management ohne Zeit-Management geht nicht. Kennen Sie das Gefühl: Am Ende vom Arbeitstag ist irgendwie immer noch Job übrig. Und das wird auch durch eine höhere Anzahl “unterstellter” Mitarbeiter nicht besser. Im Gegenteil: Desto mehr Mitarbeiter, desto größer Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich zu organisieren. Ich habe gute Leute verloren, weil ich meinen Kalender nicht im Griff hatte und dringende Gespräche ständig verschoben habe. Wir sind auf Pitchlisten nicht gekommen, weil ich Telefontermine verpennt habe. Wir haben Kunden verloren, weil ich nicht genug “Kundenkümmerzeit” eingeplant habe. Zeit-Management ist kein Kreativprozess, sondern harte Arbeit und umfasst übrigens nicht nur das Berufs- sondern auch das Privatleben. Ohne rigoroses Zeit-Management klappt weder das eine, noch das andere. Und ein erfülltes Privatleben ist zumindestens für mich die Voraussetzung für alles andere.

6. Bezahlung hat keine zweite Chance. Also nütze die erste. Kennen Sie den: “Wir fangen jetzt mal mit einem geringeren Stundensatz/Fixhonorar an. Und wenn Sie uns dann von Ihrer Qualität überzeugt haben, dann verhandeln wir neu.” Und? Wie häufig haben, nachdem Sie sich zähneknirschend auf dieses Spiel eingelassen haben, die Nachverhandlungen tatsächlich stattgefunden? Genau: Vermutlich nie. Mein alter Chef, Konstantin Jacoby, nicht gerade sensibel in seinen Formulierungen, gab mir mal den guten Rat: “Als Dienstleister hast du die Wahl. Entweder du verkaufst dich für 20 DM hinter dem Bahnhof, oder für 20.000 DM an den Sultan von Brunei. Aber die Wahl hast du nur am Anfang. Hochschlafen ist nicht!” Und er hat recht behalten. Deshalb gilt es, vom Start weg klare Kante zu zeigen. Übrigens: Drehen Sie den Spieß mal um und fragen Sie den Kunden, ob Sie seinen Schokoriegel erst mal verbilligt probeessen, sein Auto 6 Monate probefahren, sein Bier probetrinken können. Bei Gefallen würden Sie dann den vollen Preis zahlen….  

7. Besser wissen macht besser.  Zwei Dinge haben sich in 25 Jahren nicht verändert. Die Marke und die Notwendigkeit einer relevanten Markenidee als Ausgangspunkt. Und das Ziel, diese Markenidee in möglichst vielen Köpfen und Herzen unserer Zielgruppe zu verankern. Für das Wie, Wann, Wo und alles andere drumherum in unserem Geschäft galt und gilt gerade wieder ganz besonders der Satz des Schriftstellers und Futurologen Alvin Toffler: “Die Banausen des 21. Jahrhunderts sind nicht die, die nicht lesen können, sondern die, die nicht lernen, entlernen und wieder neu lernen können”. Nur, wenn ich weiß, was möglich ist, werde ich auch alle Möglichkeiten nutzen, aus Ideen großartige Ideen zu machen.

8. Routine braucht Bewegung. Sollte ich, was ich nicht hoffe, mal einen Herzspezialisten brauchen, dann wäre es mir recht, wenn der schon 100 Herzen erfolgreich repariert hätte. Aber es wäre mir auch lieb, wenn der seinen Job immer noch mit derselben absoluten Leidenschaft und Hingabe machen würde, wie bei seinem ersten Herz. Und mein Herz nicht nur so routinemäßig durchoperieren würde. Worauf ich raus will? Ich habe mich in den letzten 25 Jahren immer mal wieder verleiten lassen, mich in meiner kleinen vermeintlichen Komfortzone einzukuscheln. Und war genau dann richtig schlecht. Routiniert relevante Markenideen entwickeln? Routiniert Agenturen durch turbulente Zeiten steuern? Ich kann es jedenfalls nicht. Was ich kann, ist all meine Erfahrung immer mal wieder mutig in die Hände zu nehmen, zu hinterfragen und dann aus der Komfortzone zu verschwinden und neu anzutreten.

Mit Aimaq von Lobenstein bin ich nach 25 Jahren vermeintlich am Ziel angekommen: Zusammen mit einem tollen Partner unsere eigene Agentur.  Also ab jetzt doch Komfortzone? Mitnichten. Auch in den nächsten 25 Jahren heißt es jeden Tag mit der ganzen AvL-Truppe ablegen und auf zu neuen Ufern. Mal sehen, was ich dabei bis 2027 noch so alles dazulerne. Ich freue mich jedenfalls drauf! Jedenfalls will ich dann genauso fröhlich wie heute sagen können: “Kinder, wie die Zeit vergeht!”  Und vielleicht hält ja dann doch einer eine Rede….

4 Kommentare

Alexander

14.08.2012 05:19 Antworten

Na, den Werbeblog finde ich mal super. zu 1.: Da lebe ich scheinbar in einer ziemlich inkonsequenten Parallelwelt ;) zu 2.: Klar sind Fehler kein Kündigungsgrund, nicht einmal ein rechtlicher. Aber sie sind ein Faustpfand gegen dich. Und mit den Jahren wiegt es schwerer. zu 3.: Ganz kurz: Nicht "lobe Dein Team", sondern gib eine Gehaltserhöhung. Siehe Punkt 6!zu 4.: Realistisch ist das Wir-Gefühl ein hierarchieaufsteigendes. So ein charmantes "Wir" ist oben deutlich leichter behauptet als unten. Das tägliche Briefing beweist, wer der Boss des "Wir" ist. Der strenge Onkel am Ende des Tisches. zu 5. Ja. zu 6.: Wenn die Kinder schreien, dann hat man keine Wahl mehr. zu 7.: Ach ja … zu 8.: klingt verdammt komfortabel. Und wie eine neue Komfortzone.Also herzlichen Glückwunsch! ;)

Thomas Koch

26.07.2012 12:57 Antworten

Gratulation zu den 25 Jahren! Und solltest du die nächsten 25 nicht komplett voll machen wollen, hoffe ich auf Nachfolger, die dies hier gelesen und inhaliert haben…

Sven

26.07.2012 09:51 Antworten

Ehrlich, substanziell. Besonders die Punkte 1 bis 8! Schöner Artikel.

Michael Kramer

26.07.2012 09:02 Antworten

Dass Du aus Fehlern gelernt hast, kann jeder bestätigen, der Dich kennt. Sorgen mache mir aber, wenn ich lese, dass Du diesen Wahnsinn noch einmal 25 Jahre mitmachen willst.

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