Jingle Hells oder “Wer zuerst zuckt, verliert!”

Jingle Hells oder “Wer zuerst zuckt, verliert!”

15.11.2012 auf dem Hauptbahnhof in Leipzig: In der großen Halle liegen von Gittern geschützt die schweren Weihnachtsgirlanden, noch fein säuberlich aufgerollt, bereit zur Montage. Währenddessen herrscht in der Ankunftshalle bereits Besinnlichkeitsalarm. Netze mit goldenen Sternen werden an die Decke gehängt. Die üblichen ach so weihnachtlichen folkloristischen Glühwein- und Lebkuchenhäuschen aus Holz stehen zumindest schon im Rohbau. Und entlang der Shopping-Mall plagen sich Mitarbeiter der Stadt mit dem Anbringen von Lampenschmuck und Fake-Tannenzweigen. Von Leipzig vom Vortrag, da komm ich her und muss Euch sagen, es weihnachtet sehr. Und all überall in den Bahnhofsgeschäften sah ich weihnachtliche Angebote blitzen….So wie z.B. der oben gezeigte Weihnachtsburner “2 Nikolaushunde” für ein paar Euro fünfzig bei Nanu Nana. Passend dazu der Niko-Pappstiefel für 4,95 und zur erotischen Aufladung des Christenfestes (kein Witz) den “sexy X-mas Dress” mit roten Bunny-Ohren.

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Nun verstehe ich ja, dass für viele Marken das Weihnachtsgeschäft entscheidend für das Jahresergebnis ist. Also schallen einem bereits seit Anfang November (dieses Jahr legte Target in den USA bereits Mitte Oktober einen fliegenden Start in die Saison hin) aus allen Mediakanälen die Weihnachtskaufmichbotschaften entgegen, im Handel türmen sich Weihnachtsgebäck  und alle weiteren mehr oder weniger absonderlichen Besinnlichkeitsverstärkerangebote. Hört man mal in die Werbebotschaften rein, dann fühlt man sich unweigerlich an Jay Chiat, den Mitbegründer von Chiat Day erinnert und seinen Satz: “Advertising doesn´t have to suck!” Und möchte ihm entgegen rufen: Doch, an Weihnachten schon. Irgendwie scheinen Produkte und Botschaften per Definition zu laut, zu stereotyp, zu cheesy, zu weihnachtig auszufallen. It sucks!

Kennen Sie das alte Kinderspiel, bei dem sich zwei anschauen und dann der verliert, der als erster lacht oder sonst wie zuckt? Hier mal ein paar Fragen dazu, liebe Werbetreibende und dazugehörige Agenturen: Warum wollt ihr unbedingt die ersten sein, die weihnachtlich zucken (vor allem dann, wenn Euch auch dieses Jahr wieder nur die üblichen rot-samtenen Klischees eingefallen sind)?. Hat Euch Eure Media-Agentur erzählt, das der TKP dann besonders günstig ist? Oder die Agentur, dass der Trend neuerdings zur frühzeitigen Oktober-Besinnlichkeit geht? Oder gar, dass frühzeitiger Weihnachtswerbe-Erguss an sich schon eine geniale Idee ist?

Sie haben beide Unrecht. Schlimm genug, wenn wieder mal nur die üblichen Weihnachtssucker beim Brainstorming herausgekommen sind. Man könnte sie im üblich infernalischen Weihnachtslärm gemeinschaftlich gnädig übersehen. Aber mit Klischee und Mittelmäßigkeit auch noch Erster zu sein, heißt der sichtbarste Sucker zu sein. Der, der von allen wahrgenommen wird. Und dem man das nicht verzeiht, was man bei allen anderen gnädig übersieht. Wer zuerst zuckt, verliert. Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie mal den folgenden Facebook-Post auf der Migros-Seite:

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Susan Gasser hat recht. Und rund 25.000 Schweizer innerhalb weniger Stunden fanden das auch. Nun hat die Migros gegenüber den meisten Marken einen unschätzbaren Vorteil: Sie ist eine starke Marke, wird von den Schweizern geliebt und von vielen für unverzichtbar erachtet. Mit so einer Marke rede ich nett und bitte um Änderungen. So wie Susan Gasser. Und weil das Facebook-Team der Migros erstens schnell und zweitens sehr nett reagierte, ging der kleine Weihnachtsshitstorm glimpflich aus. Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn Susan Gasser die Migros nicht für wichtig genug erachtet hätte, sich ihr mitzuteilen. Sondern einfach so zu Coop gewechselt wäre. Für solche Marken gilt: Entweder Sie haben wirklich eine großartige Weihnachtskampagnenidee “that doesn´t suck”. Oder aber Sie verstecken sich im Heer der anderen Sucker. Dann aber bitte erst so ab 1.12. Dann fallen Sie nicht als erster unangenehm auf. Und gehen davor niemand auf die Weihnachtsnerven. Fröhliche Weihnachten!

3 Kommentare

hubertus von lobenstein

15.11.2012 11:25 Antworten

Patrik, I like!!

Patrik

15.11.2012 11:03 Antworten

Hast mit allem Recht, jedoch ist der Klick auf ein "Gefällt mir" gegen zu frühe Weihnachtsdeko moralisch einfacher als der Verzicht auf den Kauf der Weihnachtsprodukte. Es ist doch letztendlich wie mit der Bild-Zeitung. Keiner liest sie alle wissen was drin steht und sie verkauft sich gut.Genau so ist es doch mit den frühen Weihnachtsartikeln. Alle meckern drüber und bei Aldi stopfen die Leute sich die Einkaufswagen mit Zimtzeug voll. Die alleinige Schuld bei den Läden zu suchen halte ich für scheinheilig. nach dem Motto, weil ich zu schwach bin sollt ihr aufs Geschäft verzichten. Das erinnert mich ein wenig an die Dicken Amis die McDonalds verklagen weil deren Essen zu fett ist.Einfach mal ein bisschen mehr auf die eigentliche Kernbotschaft von Weihnachten hören und etwas besinnlicher werden statt immer mehr Konsumorientiert. Dann verschiebt sich das Weihnachtsgeschäft automatisch nach hinten und so ein Quatsch wie Halloween verschwindet hoffentlich auch wieder. :) Gruß Patrik

A

15.11.2012 06:43 Antworten

Wenn die Weihnachtsmärkte Ende November anfangen ist der Weihnachtsentzug bis Anfang Dezember schwer. Und wer ein paar Kinder hat, ist froh, ein paar dieser Schul-, Sport-, Musikschule-Weihnachtsfeiern früher abspulen zu können. Sehen wir es doch mal positiv: So kann man die Weihnachtseinkäufe früher erledigen, hat ein paar Wochen mehr etwas zu lachen und muss sich nicht noch Ende November an einem dann lausig zerfledderten Indian Summer erfreuen.

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