Ideen statt Paragraphen – ein Beitrag zum Urheberrecht.

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Öl ist umsonst. Ich zahle dafür, das es jemand fördert, in Benzin umwandelt und an meine Tankstelle liefert.

Luft ist umsonst. Ich zahle dafür, das jemand sie im Sommer in meinem Büro kühlt.

Wasser ist umsonst. Ich zahle dafür, daß jemand es reinigt, trinkbar macht und an meinen Wasserhahn liefert.

Elektrizität ist umsonst. Ich zahle dafür, daß jemand sie an meine Steckdose liefert.

Ich habe kein Bedürfnis nach Öl, Luft, Wasser oder Elektrizität per se. Ich habe ein Bedürfnis danach, Auto zu fahren, bei erträglichen Temperaturen zu arbeiten, meinen Durst aus dem Wasserhahn zu löschen und das am Samstag zum Champions League Finale der Fernseher funktioniert. Und ich bin bereit dafür zu zahlen, wenn es jemand schafft, diese Bedürfnisse mit einem werthaltigen Angebot zu befriedigen. Dabei gibt es Grenzen. Ist mir Benzin zu teuer, lasse ich mein Auto stehen. Ist mein Strom zu teuer, versuche ich meinen Verbrauch zu drosseln. Da hat jeder so seine Grenzen, definiert durch Lebensumstände und Lebenseinstellungen. Angebot und Nachfrage eben.

Worte, Töne, Bilder sind umsonst. Ich zahle für sie dann, wenn sie so zusammengesetzt werden, daß sie mich inspirieren, informieren, unterhalten etc….

Ich habe kein Bedürfnis nach Worten, Tönen, Bildern per se. Ich habe ein Bedürfnis danach, gute Artikel, gute Bücher zu mich interessierenden Themen zu lesen, die mich bei meiner Meinungsbildung weiterbringen oder mich einfach nur gut unterhalten. Ich habe ein Bedürfnis danach, Musik meiner Lieblingsbands beim Sport, auf langen Autofahrten oder einfach bei der Arbeit zu hören. Ich habe ein Bedürfnis danach, mich von tollen Bildern einfangen, inspirieren zu lassen. Deshalb zahle ich für meine Zeitungen und Zeitschriften, egal ob digital oder analog. Deshalb zahle ich meine Downloads bei iTunes. Deshalb bezahle ich den Besuch einer Richter-Ausstellung, eines Randy-Crawford-Konzerts oder eines Theaterstücks an der Volksbühne. Sie alle befriedigen meine Bedürfnisse mit einem für mich werthaltigen Angebot. Dabei gibt es Grenzen. Ich zahle nicht jeden Heftpreis, jeden Download-Preis, nicht jeden Eintrittspreis. Auch da hat jeder von uns so seine Grenzen, definiert durch Lebensumstände und Lebenseinstellungen. Angebot und Nachfrage eben.

Worte, Töne, Bilder sind umsonst. Im Netz auch dann grundsätzlich, wenn sie mich inspirieren, informieren, unterhalten etc…?

Folgt man der aktuellen Debatte um das Urheberrecht, dann hat man das Gefühl, als ob das oben beschriebene Modell von der bedürfnisgeleiteten Nachfrage, die das Angebot bestimmt, auf einmal nicht mehr gilt. An ihre Stelle tritt eine Diskussion über ein unmoralisches, durch nichts zu rechtfertigendes Nachfrageverhalten und eine dagegen unbedingt zu schützende Angebotsform. Kein Verlag, der nicht lautstark protestiert gegen die kostenlose Verbreitung seiner Inhalte z.B. auf kuratierten News-Services wie z.B. Summify oder Mashable, die damit dann auch noch Geld verdienen. Um dann in ein allgemeines Lamento über “Qualitätsjournalismus” und die schwindende Bereitschaft der Netzbürger, dafür zu bezahlen, einzusteigen und auf die Notwendigkeit schärferer Schranken und staatlicher Kontrolle im Sinne eines schärferen Urheberrechts, sowie politisch legitimierter Bezahlmodelle hinzuweisen.

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Alles sehr verständlich und nachvollziehbar. Aber eben doch eine Verdrehung der Tatsachen. Denn es ist eben nicht so, daß die Lösung wie gefordert darin besteht, bei gleichbleibendem Angebot (weil so toll) einfach mal die Nachfrager zu erziehen und zu maßregeln, in dem man sie per Gesetz zu neuen Umgangsformen zwingt. Sondern sich endlich mal mit der Angebotsseite, also mit sich selbst und der medialen Wirklichkeit zu beschäftigen. Das z.B. hat das Magazin “The Atlantic” getan, eine notorisch jahrelang defizitäre Zeitschrift in den USA. Die Geschichte und die dabei entstandenen Resultate sind hier in der Langfassung nachzulesen: http://mashable.com/2011/12/19/the-atlantic-digital-first/. Zusammengefasst nur soviel: Mit der klaren Marschrichtung “Digital First”, einer geschickten Kombination aus Heft und digitalem Angebot, teils bezahlt und teils kostenlos, erstklassigen Journalisten und gleichzeitig aktiver Einbindung der Lesermeinung ist es “The Atlantic” gelungen, nach Jahrzehnten des verlegerischen Siechtums wieder profitabel zu sein, die Printauflage zu steigern und gleichzeitig millionenfach digitale Leser zu begeistern. Vor allem aber steigt seit Jahren der Werbeumsatz on- wie offline. Und versorgt “The Atlantic” so mit dem notwendigen Kapital, seinen Weg weiterzugehen. Online wie offline. Denn, wie Justin Smith, President Atlantic Consumer Media feststellt:  “The dramatic growth in digital audience has in turn driven demand for the magazine, because so many more millions are now aware of it.” Die haben es offensichtlich geschafft, analog wie digital die Bedürfnisse ihrer bestehenden Leser nach einem der medialen Wirklichkeit angepassten Qualitätsjournalismus zu befriedigen und neue Leser für sich zu begeistern. Auch ohne Urheberrechtsdebatte.

Zugegeben: Das Modell “The Atlantic” ist nicht 1:1 auf andere Titel übertragbar. Aber darum geht es auch nicht. Es geht ums Prinzip. Statt ständig die Urheberrechtskeule Richtung potentiellem Leser zu schwingen, wäre es schön, wenn Verlage dieselbe Energie in ihr Angebot stecken würden, sich also auf veränderte Bedürfnisse einstellen würden. Wenn es z.B eine gemeinsame Plattform aller Verlage gäbe, auf denen die besten Artikel nach Themen kuratiert als Qualitätspresseschau erhältlich wären, wäre ich auch bereit, dafür zu bezahlen. Die diesjährigen Preisträger des Henri-Nannen-Preises ( http://www.henri-nannen-preis.de/preistraeger_2012.php) und ihre Werke haben wieder eindrücklich gezeigt, wofür der Begriff “Qualitätsjournalismus” zurecht steht. Solche Werke, sauber aufbereitet, mit kompetenter Trennung von journalistischem Spreu und Weizen, auch und gerade mit konträren Ansichten Seite an Seite, wöchentlich oder monatlich erscheinend – ich melde mich jetzt schon als zahlender Abonnent an (und spare mir damit viel Sucherei)

Nicht anders ist es mit der Musik. Statt wie Sven Regner, Frontmann von “Elements of Crime” wie wild auf die Gesellschaft, Hörer, Musikjournalisten und das Netz im allgemeinen, also die Nachfrager einzuprügeln ( http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/regener_interview100.html) und in das Urheberrechtslamento einzustimmen, wäre es auch hier besser gewesen, mal in neuen Angeboten und Lösungen zu denken. Und dabei nicht zu vergessen, daß Bands wie die Arctic Monkeys, nicht gerade Pop-Mainstream, erst durch das Netz und im Netz geboren wurden. Plattformen wie z.B. http://talentsplash.com/ bieten längst Plattformen für junge Talente und helfen bei der Vermarktung. Und ich bin sicher, daß es genug Leute gibt, die für den Zugang zu einer Plattform mit den heißesten Talenten auch bezahlen würden. Die Bereitschaft, für Musik aus dem Netz zu bezahlen ist da. Sonst gäbe es heute viele Napsters. Und kein iTunes. Meine “Elemnt of Crime” Titel auf meinem iPod sind jedenfalls alle bezahlt.

Zur Klarstellung: Ich bin für den Schutz künstlerischer Werke und ihrer Erschaffer. Und ich bin sehr dafür, das für gute Arbeit auch gut gezahlt werden muß. Aber was gut ist und was nicht, entscheide immer noch ich. Und ein Song von “Element of Crime” ist gut, wenn er mir gefällt, mein Bedürfnis nach guter Musik befriedigt. Und nicht, wenn Sven Regner ihn geschrieben hat. Und erst dann bin ich bereit, für ihn zu bezahlen. Deshalb wird sich die Netzgemeinde auch nicht nachhaltig von national verabschiedeten Gesetzesverschärfungen schrecken lassen. Aber sie ließe sich durch Angebote begeistern, die in einer neuen medialen Wirklichkeit ihre Bedürfnisse auf neue Art befriedigt. Und diese Begeisterung ließe sich auch nachhaltig in die verdiente klingende Münze umwandeln. Angebot und Nachfrage eben. Ideen statt Paragraphen – wäre mal was Neues!

5 Kommentare

Jerome

23.05.2012 12:17 Antworten

Ich denke, dass sich kein "Künstler", wobei die Meisten eher Handwerker sind, beschweren kann, wenn sein Zeug illegal kopiert wird, wenn er nicht für Möglichkeiten sorgt wie es gut legal von statten gehen kann. Allein die Unmenge neuer Vertriebswege dürfte doch jeden aufschrecken und kreativ werden lassen, stattdessen verlassen sie sich auf ihre Labels und die haben an Fortschritt kein großes Interesse wie man ja weiß.

Oliver Gronewald

22.05.2012 16:51 Antworten

das problem vieler verlage ist nicht dass kein interesse an ihrem content besteht sondern das aggregatoren diesen "ohne erlaubnis" im netz verbreiten.wenn du deinem kunden eine idee (dein produkt) verstellst, dies danach aber kostenfrei im netz wiederfindest, liegt das problem nicht in deinem produkt.von kostenlos verfügbar kann auch und vor allem paytv in deutschland ein langes klagelied singen, allerdings ist hier das problem weniger hausgemacht wie bei den verlagen. denn hier hätte man im netz von anfang an pay content einführen können. dummerweise hat man sich für die reichweite (und damit for free) entschieden und muss jetzt die supper auslöffeln.und es stimmt, im grunde müsste gar keine staatliche regulierung her, allein eine absprache der verlage künftig für jeden inhalt geld zu verlangen würde reiche. doch leider sind die verlage noch nicht soweit an einem strang zu ziehen, zu mindest nicht direkt.das ist so ähnlich wie "agenturen auf eine linie bringen nicht mehr ohne honorar zu pitchen".allerding werden – entgegen agenturen – verlage über das zunehmende experimentieren mit paywalls letztlich doch an einem strang ziehen, auch dann wäre eine regulierung nicht mehr notwendig, doch noch ist es nicht soweit und die regulierung die "schnellere" erste hilfe massnahme.der wesentliche grund warum verlage neue wege und zum grossen teil neue verständnisse entwickeln müssen liegt im wegsterbenden der alten print leser.aber auch die neue, digitale, jüngere zielgruppe(n) kann nicht mit dem tollsten produkt gewonnen (und monetaisiert) werden, so lange es über andere wege kostenfrei zu bekommen ist.

reizend übel

19.05.2012 00:28 Antworten

Der Geldmachtgedankeda war jetzt echt Marketingin ihrer Reinform.Ich denk..Hey, jetzt lese ich was !Zum Urheberrecht !Und dann so was.Der zahlende Abonnent und der Geldmachtgedanke,reizend übel.Dein Artikel schießt über alles,und betrifft kaum das Urheberrecht.Titel also irreführend.Gott sei Dank muss ich nicht nochzahlen..für eigenes Denken.Doch genau da sind wir.Nur hat das nichts mit dem Urheberrechtzu tun, schriebe ich weiter an dem zuzahlendem Bildungsgerüst, ist das noch einweiteres Thema, was wohl subtil durch deinenArtikel dampft: Zahlen ! Zur Kasse Schätzchen. Aber schnell.Es geht Dir ums Geld. Kasse machen.Ob über das Urheberrecht, Bildungsprivileg,Essenskultur, Literatur, Kultur, ja und Kommerz,und vieles mehr. wie Mobilität digitale und mechanische, das Spiel mit den Benzinkosten,Steuern inklusive, ach ja, und dann noch die Pharmaindustrie, Patente und so.Du siehst ! es geht hier nirgends um den Schutzdes Urhebers, sondern um das, was es bringt – an Bares.Und da fängt (Gott sei Dank, träge die Masse, doch wennin Bewegung, trägt sie , die Masse, die Bewegung !)es an- fängt alles wieder von vorn und hoffentlich anders an.Ich bin für Ideen und gegen dieses erbärmliche Herumjuckeln.Ein Umdenken muss anfangen, hat hoffentlich begonnen,und darf nicht verebben. Alles , was gut ist, ist gut und das losgelöst vom Geldmachtgedanken.Jedes und A L L E S über irgendwelche Zweige mit dem Geldmachtgedankenzu verknüpfen und wirklich vehement durchzusetzen, gegen den Menschen,ist extrem blöde und extrem veraltet. Viele reiten nur mit, weil sie nicht denken.Halt doch mal inne !Und lass los vom Geldmachtgedanken.Die Währung an sich kann auch nichts dafür.Es ist der gierige stupide Mensch, wenn er permanent Ideen und Geld verknüpft.Urheberrecht ?Die Frage nach einem anderen Menschen wäre besser.

Thomas Koch

18.05.2012 23:31 Antworten

Du sprichst mir aus dem Herzen. Ja, ich bin bereit zu bezahlen. Für "meine" Qualität. Offline wie online…

antek

18.05.2012 10:03 Antworten

Und mich kotzt es an, das ich wehrlos bin gegen einen Strom/Gas/Wasserpreis für eine 6 köpfige Familie in bescheidenen Verhältnissen von 450 Euro. Monat für Monat. Von einem privaten Anbieter in einem Gebäude, das früher mal Stadtwerke hieß und den Bürgern gehörte. Einfach weil es unser Wasser, unser Strom und unser Haus war. Es ist also nicht mehr nur einfach "umsonst" es hat ein Besitzverhältnis das umgedreht wurde. Privatisiert.

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