Grusel-Kapitalismus
  • images
  • 08:10
  • images
  • Keine Kommentare.

Grusel-Kapitalismus

Letzte Woche hatte meine Tochter Geburtstag. Und weil der auf Halloween fiel, wurde aus der Feier eine Grusel-Übernachtungsfete. Als wichtiger Programmpunkt sollte dabei eine gruselige Nachtwanderung stattfinden. Alles war geplant: Masken gekauft, genug Grusler aus dem Freundeskreis organisiert und an der Strecke postiert, Gruselgeräusch-App geladen, die Mädels vorher per erzählter Horrorgeschichten schon mal warmgegruselt. Als es dann allerdings losgehen sollte, fehlte ein entscheidendes Utensil: Eine Taschenlampe für den dunklen Wald. Kein Problem, einfach noch mal in den App-Store und in Sekunden die kostenlose Taschenlampen-App heruntergeladen und schon konnte es losgehen mit der Gruseltour.

Kostenlose App statt Einkauf einer Taschenlampe? An dem Abend hätten sich neben 10 Mädchen im Wald auch ein Taschenlampenhersteller, sein Metallzulieferer und ein Händler, der Taschenlampen führt, eigentlich gruseln müssen. Vor mir und all den anderen App-Runterladern. Denn die Taschenlampen-App ist eine der am meisten herunter geladenen Apps bei Apple. Und jede einzelne davon bedeutet eine Taschenlampe, die nicht gekauft worden ist. Bedeutet weniger Umsatz, weniger Gewinn. Aber so ist das eben im Kapitalismus. Hat einer eine bessere Idee als sein Wettbewerber (und meine Lampen-App ist zwar kostenlos, der Erfinder verdient aber fröhlich an der fast täglich wechselnden Werbung, die in die App reingespielt wird), dann wird er erfolgreich sein. Wenn nicht, dann fliegt er eben aus dem Wettbewerb.

So weit, so gut. Aus Pferdekutschen wurden Autos, aus Taschenlampen werden Apps. Nur: Die Geschwindigkeit, mit der Märkte sich verändern oder sogar ganz verschwinden und durch neue ersetzt werden nimmt in digitalen Zeiten so rasant zu, dass keine Zeit mehr erst zum Gruseln und dann zum Handeln bleibt. Vor allem nicht für die alten Platzhirsche. Fragen Sie mal die Zeitschriftenindustrie. Die haben sich erst heimlich, dann immer lauter gegruselt vor dem Internet und den daraus resultierenden Herausforderungen. Gehandelt haben sie kaum. Und zahlen jetzt den Preis in sinkenden Werbeeinnahmen und schrumpfenden Leserzahlen. Fragen Sie mal Kodak, den Erfinder der digitalen Photographie. Die haben nichts aus ihrer Erfindung gemacht und sich den Markt aus der Hand nehmen lassen. Heute sind sie pleite.

Keiner ist mehr immun gegen Veränderung. Rasend schnelle Veränderung. Von der Art, wie wir produzieren bis zur Art, wie wir miteinander kommunizieren – in immer schnellerer Abfolge bleibt kein gewohnter Stein mehr auf dem anderen. Von der Kapitalismus-Ikone und ehemaligem GE-Chef Jack Welsh stammt dazu folgendes Zitat: “If the rate of change on the outside exceeds the rate of change on the inside, the end is near”. Für die Platzhirsche, die ihr Revier auch in Zeiten rasanter Veränderung verteidigen wollen heißt das, in Sachen Innovationen schneller zu sein. Schneller als bisher, schneller als der Wettbewerb, schneller als alle. Und das heißt:

1. Neue Ideen brauchen neue Systeme: Oft versuchen Unternehmen, die Innovationsabteilung in ihre bestehenden Strukturen einzupassen. Die sind so gestaltet, dass mit dem bestehenden und gewachsenen System, bürokratisch überwacht und kontrolliert, ein maximales Ergebnis erzielt wird. Und Innovationen darin eben nicht oder nur unzureichend entstehen. Es braucht Zeit, die richtige Idee für die Zukunft zu entwickeln. Zeit, gedankliche Pirouetten zu drehen, gelegentlich auch mal in die falsche Richtung zu laufen. Das passt nicht zu dem im Idealfall hocheffizienten und ständig verbesserten System, mit dem Sie bisher Erfolg hatten. Behalten Sie es bei, solange das alte Erfolgsrezept funktioniert. Aber schaffen Sie parallel ein System, das neuen Ideen den Raum und die Zeit gibt, sich zu entwickeln.

2. Bleiben Sie gnadenlos beweglich: Viele Unternehmen bewegen sich heute unglaublich langsam. Kein Wunder, denn statt über “the next big thing” nachzudenken, managen sie lieber so effizient und gewinnbringend wie noch möglich den Niedergang ihres Geschäfts. Innovation dagegen ist schnell. Schnelles Handeln, schnelles Scheitern, schnelles Wiederaufstehen. Und wenn etwas funktioniert, dann so schnell wie möglich an den Markt damit. Dazu braucht es entschlossene Innovatoren ohne Denkhemmnis mit Lust an der Geschwindigkeit. Selbst etablierteste Paradigmen werden sich auflösen. Akzeptieren Sie es. Nutzen Sie es zu Ihrem Vorteil. Jeden Tag.

3. Ändern Sie Ihre Management-Kultur: Es gehört Mut dazu, alte Systeme und Denkmuster über Bord zu werfen und neue Wege auszuprobieren. Denn neue Erfolgsrezepte entstehen meist nach einer Phase der Unsicherheit, der Ungewissheit. Die muss man aushalten können. Gerade als verantwortlicher Manager. Mit dem klassischen Management-Handlungsarsenal aus der Abteilung Befehl und Kontrolle kommt man dabei selten sehr weit. Stattdessen ist Motivation und Inspiration angesagt, um das Innovationsteam zu Höchstleistungen zu bewegen.

Klingt ungewohnt? Sogar ein bisschen gruselig? Gut so. Dann handeln Sie auch entsprechend. Es wird Zeit. Für meinen Umzug habe ich mir nämlich gerade eine Wasserwagen-App heruntergeladen. Wer weiß, was ich und viele andere  demnächst noch so alles an Nützlichem im App-Store finden. Wäre doch gut, wenn Sie dann davon profitieren. Oder?


Bildquelle:

Ina Rall

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar