Ein Suchtgeständnis

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(Quelle: http://xaxor.com/funny-pics/32278-funny-pics-23082011.html)

Ich bin süchtig. Harmoniesüchtig.

Klingt furchtbar, oder? So was sagen doch nur Schwächlinge, die sich hinter den Leistungen anderer verstecken, sich selbst nichts zutrauen oder, noch schlimmer, mit dem Bekenntnis zur Harmonie nur verdecken wollen, daß sie eigentlich nichts drauf haben. Frauen reden über Harmonie in Frauenzeitschriften bei der Partnerschaftsanalyse der 10 wichtigsten Punkte einer funktionierenden Partnerschaft. Harmonie – das ist bestenfalls so ein kuscheliges, nettes Wohlfühlwort. Und hat damit nichts in der harten Geschäftswelt zu suchen. Schon gar nicht im Vokabular eines Chefs. Da gehören Wortkombinationen mit dem Wort “hart” hin: Harte Linie, harte Maßnahme, harte Verkaufe usw. Da werden Typen gefeiert, die ihr Ding durchziehen, sich und ihre Ideen kompromißlos in Szene setzen, Branchen revolutionieren.  Erfolg entsteht da, wo der einsame Wolf seinen Ambitionen über jede Leiche folgt und mit souveräner Verachtung auf die Schafe schaut, die ihm in harmonischer Ignoranz nachlaufen. Oder?

Mit Holland hat sich gerade einer der Mitfavoriten sang- und klanglos von der EM verabschiedet. 11 Spitzenwölfe, 0 Punkte und ein Grund: 0 Harmonie. Dasselbe Schicksal ereilte Frankreich bei der WM 2010. Mit Spanien dominiert stattdessen seit Jahren ein Team den Weltfußball, dessen Spieler sich bedingungslos einem System unterordnen. Und das, obwohl die F.C.Barcelona- und Real Madrid-Spieler (und das sind die meisten im Team) sich während der Saison in tiefem Hass verbunden sind. 11 Herdenspieler, WM- und EM-Sieg und ein Grund: absolute Harmonie. Im modernen Fußball gewinnen Teams mit Spielzügen, in die die ganze Mannschaft einbezogen ist. Ansammlungen von selbstbezogenen Einzelkönnern verlieren, weil sie ausrechenbar sind für jeden Gegner.

Harmonie ist das Sprungbrett für Teamwork. Und Teamwork schafft die Energie, aus der große Leistungen entstehen. Im Fußball, in der Geschäftswelt und auch sonst. Die Sprache der Harmonie ist Kooperation, Gemeinsamkeit, Beiträge, gemeinsame Leidenschaft. Harmonie erfordert Mut, z.B. den Mut, sich auf andere zu verlassen. Blind. Harmonie erfordert Gefühl, z.B. das Mitgefühl für das Team-Mitglied neben dir, das gerade nicht in Form ist, und das für eine Zeit von Dir mitgetragen werden muß. Harmonie heißt, das Richtige im Sinne des Teams zu tun, ohne auf den persönlichen Gewinn, Ruhm und Ehre aus zu sein. Erfolg stellt sich für alle als Konsequenz gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Motivation ein. In komplexen Zeiten sorgt Harmonie für einen Arbeitsplatz, an dem ich und die Menschen um mich herum gerne arbeiten und an dem wir gemeinsam Erfolg produzieren und feiern.     

Ich bin süchtig. Harmoniesüchtig. Und das sehr gern.    

4 Kommentare

Franz_gr

05.08.2012 10:31 Antworten

Seit den 1960er Jahren haben Psychoanalytiker (H. E. Richter, H. Stierlin) die "Hegemonie der Harmonie" mit ihren Erscheinungsformen Konfliktvermeidung und Konfliktverleugnung einer fundamentalen Kritik unterzogen. Das Wissen darüber ist etwas aus der Mode gekommen. Teamfähigkeit ist eigentlich etwas anderes als Harmoniesucht. Herr von Lobenstein, das meinen Sie doch bestimmt polarisierend, dass Harmonie das Sprungbrett für Teamwork sei.

Alex

19.06.2012 18:04 Antworten

Wollen wir uns darauf einigen, das Harmonie von der Spitze der Pyramide nach unten dann doch etwas eleganter zu vertreten/leben sit? ;) )

hubertus von lobenstein

19.06.2012 07:29 Antworten

Na klar, lieber Alex. Aber Streitbarkeit und die Lust an einer direkten Auseinandersetzung schließen Harmonie nicht aus. Zumindestens dann nicht, wenn die Auseinandersetzung nicht dem Durchdrücken der eigenen Meinung, sondern dem Finden der vermeintlich "besten" Meinung, des "besten" Weges dient. Und zwar eben nicht als kuscheliger kleinste gemeinsamer Nenner. Da habe ich dich z.B als einen meiner Lieblingsdiskutanten und als Korrektiv bei vielen Themen erlebt. Und am Ende immer harmonisch….;-))

Alexander Wallasch

19.06.2012 07:29 Antworten

;) ) MOMENT MAL! Alsoich kenne kaum etwas erbarmungsloseres als die Hegemonie der Harmonie. Wahrscheinlich die am meisten missbrauchte Tugend ever. Harmonische Menschen sind mir suspekt, denn sie haben immer eine Ausrede aus Konflikten zu fliehen, KOnflikte für sich zu entscheiden da ihre Vorstellung von Harmonie zu oft eine Einigung auf die eigene Meinung erzwingt. "Lass uns jetzt mal harmonisch bleiben!" folgt doch immer dem schwächsten Argument. Bzw., "Lass uns jetzt mal harmonisch bleiben!" folgt, wenn nur noch die Unterhose fehlt um mal das Pimmelchen zu sehen. ;) )) Und da ich Dich ein bisschen kenne: Nein, Du bist nciht harmoniesüchrig, dafür bist zu viel zu gerne Streitbereit und scheust nie die direkte Auseinandersetzung.

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