Die Angst vor dem Versagen

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Als Kinder kennen unsere Pläne, unsere Träume, unsere Phantasien keine Grenzen. Wir träumen davon, Fußballweltmeister zu werden, zum Mond zu fliegen, einen Prinzen zu heiraten, vor hunderttausend Menschen Gitarre zu spielen und neue Welten zu entdecken. Wir spielen unsere Träume mit viel Phantasie nach, immer wieder, bis wir am Ende ganz sicher sind: Wir schaffen das!

Und doch empfinden wir es nur sehr selten als persönliches Versagen, wenn aus den hochfliegenden Kinderträumen Jahre später nichts übrig geblieben ist. Warum auch? Der Fußballweltmeister ist am Ende vielleicht ein erfolgreicher Werber geworden, der Astronaut ein lebensrettender Herzchirurg, die Prinzessin eine Pullitzer-dekorierte Journalistin, der Rockstar ein beliebter Lehrer und der Weltenentdecker ein innovativer Firmenlenker. Versagen? Keine Spur. Es ist eben nur anders gekommen. Nicht so, wie geplant. Und dennoch gut. An unsere Kindheitsträume erinnern wir uns deshalb nicht mit einem Gefühl des Versagens, sondern mit der warmen Erinnerung an eine Zeit, in der alles möglich, alles machbar, alles offen war.

Als Erwachsene setzen wir unseren Plänen, unseren Träumen, unserer Phantasie ständig Grenzen. Oder lassen sie uns setzen. Nicht über diesen Punkt hinausträumen, nicht an dem vorbeiträumen, nicht neu anfangen mit dem Träumen, bitte im Rahmen des Möglichen, des Erlaubten, des Gewollten, des Vergangenen träumen. Am Ende sind es gar keine wirklichen Träume mehr. Zumindestens nicht mehr wirklich unsere leidenschaftlichen, uns antreibenden Träume. Es sind geregelte, limitierte Träume, pflichtschuldig abgearbeitet und zu Ende geträumt.

Das Schlimmste aber: Wenn es mit diesen Träumen und Plänen dann nicht hinhaut, dann empfinden wir das auch noch als persönliches Versagen. Beförderungsstufe nicht gepackt, Gehaltserhöhung nicht bekommen, Projekt zu keinem guten Ende gebracht, Karriere ins Stocken geraten, Beziehung in der Sackgasse – wir haben versagt! Haben wir das wirklich? Versagen ist  die Negativbilanz zwischen Erwartetem, Erhofftem und Erreichtem. Als Kinder schaffen wir es, einen ausgeträumten Traum als Beginn eines neuen Traums zu begreifen, als Beginn einer neuen Chance, einer neuen Geschichte. Und da die ja ganz toll ausgehen kann, hat man auch noch nicht versagt. Ein geplatzter Traum ist einfach ein noch nicht zu Ende geträumter Traum. Das Erwartete ist nicht eingetreten, aber die Hoffnung darauf lebt ohne Notwendigkeit einer Bilanz weiter. Oder wie Oliver Kahn es mal formulierte: “Weiter, Immer weiter!” Warum schaffen wir das eigentlich als Erwachsene nur noch selten?

Zugegeben: Eine reichlich naive, fast kindische Frage. Aber vielleicht gerade deshalb gut……

2 Kommentare

hachtmut

05.06.2012 12:47 Antworten

Hinter jedem großen Erfolg stehen mindestens drei Mißerfolge (So (oder ähnlich) soll es Henry Ford formuliert haben). Und Mißerfolg bedeutet, daß man auch bei diesen Versuchen vom Gelingen überzeugt war.

MMaschmann

04.06.2012 13:34 Antworten

Eben: gerade deshalb gut! Danke für’s Fragen!

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